Kolumne

Karl Barth hatte keine Berührungsängste gegenüber Rom. In einer seiner Safenwiler Predigten sagte er am Reformationssonntag 1911, die Glocken in einem katholischen Nachbardorf seien ein Zeichen dafür, dass Gott auch dort gesucht und gefunden werde. Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Sommer 1914 nannte er das Gebet für den Weltfrieden Papst Pius X. einen «Lichtpunkt». Es war für ihn selbstverständlich, Werke katholischer Autoren exakt zu lesen und zu verarbeiten, was allerdings nicht ausschliesst, dass er äusserst kritische Fragen an den römischen Katholizismus stellte. Gegenüber Hans Küng nannte er die katholische Mariologie ein «morsches Gebilde, schon im Ansatz» zum Absterben verurteilt. Eine ökumenisch offene Grundhaltung überwiegt trotzdem bis zuletzt: An Mariä Empfängnis, dem 8. Dezember 1968 – zwei Tage vor seinem Tod –, hörte er eine katholische Radiopredigt. Dem Prediger schrieb er (vielleicht in seinem letzten Brief), man habe die Frage der Mariologie theologisch noch nicht aufgearbeitet und man müsse sie auch evangelischerseits neu durchdenken.

Frank Jehle