Kolumne

Ohne Karl Barth hätte ich es nicht gewagt, Pfarrer zu werden. Mir war im Studium die ständige Rede von der «religiösen Erfahrung» verleidet. Ich sah hier mehr und mehr den Menschen mit seinen Möglichkeiten in den Mittelpunkt gestellt und konnte diese Selbstverständlichkeit nicht teilen. Ich war drauf und dran, mein Theologiestudium aufzugeben. Da fiel mir Barths Vortrag von 1922 «vor die Füsse»: Das Wort Gottes als Aufgabe der Theologie. «Wir sollen als Theologen von Gott reden. Wir sind aber Menschen und können als solche nicht von Gott reden. Wir sollen Beides, unser Sollen und unser Nicht-Können, wissen und gerade damit Gott die Ehre geben.» Diese Worte waren für mich ein neuer Schlüssel und eine Befreiung. Hier wurde die Gottheit Gottes und die Menschlichkeit des Menschen in letzter Konsequenz ernstgenommen. Ich verstand, dass man nur Pfarrer werden kann unter Anerkennung dieses «unendlichen qualitativen Unterschieds» von Gott und Mensch. Und im Festhalten daran, dass sich Gott in seinem Sohn zur Welt bekennt. Das begründet die Zuneigung zu den Menschen, wer und wie sie auch seien. Es war mir eine Art «gratiam referre», u.a. diesen Vortrag, der für mich zum Schlüssel wurde, als Herausgeber in der Barth-Gesamtausgabe neu zugänglich zu machen.

Holger Finze-Michaelsen