Kolumne

Ich habe ein Buch zu einem Motiv der Theologie Karl Barths geschrieben. Seither nennt mensch mich Barthianer. Ich mag das nicht. Einerseits weil meine Generation von Theologinnen und Theologen nicht mehr so stark in theologischen Schulen denkt, andererseits weil diesem Etikett ein fauler apologetischer Nachgeschmack anhaftet, nämlich frei von jeglicher Kritik am wohl bedeutendsten Theologen des 20. Jahrhunderts und seiner Theologie zu sein. Was die Theologie Barths auszeichnet, ist nicht nur der Mut zu sagen, was Sache ist, sondern vor allem auch eine tiefe Abscheu vor Apologie. Dementsprechend bekannte Barth schon früh in seinem Schaffen: «Wer als Sockel seiner Dogmatik eine Apologetik aufrichtet, der macht und beweist […], dass die Inhalte seiner eigentlichen Dogmatik wenn auch nicht im Einzelnen, so doch als Ganzes der Rechtfertigung vor einem anderswie begründeten Denken fähig und bedürftig seien.» (Unterricht in der christlichen Religion I, 161.) Und als Barth 1963 nach seiner Emeritierung in einem Gespräch auf das Phänomen des «Barthianismus» angesprochen wurde, wollte er dieses «Gespenst» ein für allemal aus der Welt schaffen und gab ziemlich schroff zu Protokoll: «Ich habe nie verlangt, dass mir jemand nachplappern sollte. Es dreht sich nicht um mich, sondern um die Wahrheit – die Wahrheit in der Liebe. Der ‹Barthianismus› interessiert mich nicht.» (Gespräche 1963, 29.) Wer sich heute sodann als Barthianer_in bezeichnet, sollte sich gut überlegen, ob er oder sie sich damit nicht gerade als Anti-Barthianer_in entpuppt.

Matthias Käser