'Hier ist vieles in Bewegung'

Interview mit Micha Brumlik


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Prof. Micha Brumlik ist Senior Adviser am Selma Stern Zentrum für Jüdische Studien Berlin-Brandenburg. Er erhielt unter anderem die Buber-Rosenzweig-Medaille für die Verständigung zwischen Juden und Christen. Bei der Hauptversammlung des Reformierten Bundes 2022 spricht er über heutige Sichtweisen auf das Christenum - aus jüdischer Sicht.

Herr Prof. Brumlik, das Verhältnis von Judentum und Christentum war immer wieder geprägt von einem ständigem Wechselspiel zwischen gegenseitiger Abgrenzung einerseits und der Suche nach gemeinsamen Wurzeln andererseits. Was überwiegt heute?

Brumlik: Heute überwiegt die Suche nach gemeinsamen Wurzeln – und damit auch nach einer gemeinsamen Zukunft. Vor einigen Jahrzehnten noch dominierte vor allem die Auseinandersetzung mit christlichem Antijudaismus den jüdisch-christlichen Dialog. Inzwischen treten die Dinge in den Vordergrund, die wir miteinander teilen.

Wie kam es zu dieser Entwicklung?

Brumlik: Man hat offenbar in der Diskussion gemerkt, dass es viel Verbindendes gibt. Zum Teil sind das ganz offensichtliche Aspekte: So waren Jesus und seine Jünger Juden.

Die frühen Christen als Juden, die in Jesus den Messias sehen – ein potentieller Annäherungspunkt?

Brumlik: Ich würde sagen ja! Zumindest auf die frühen Christen trifft das zu. Daneben gibt es auch einige theologische Gemeinsamkeiten. In einer Erklärung unter dem Titel „Dabru Emet“ publizierten jüdische Gelehrte im Jahr 2000 einen Artikel in der New York Times. Darin stellten sie fest, dass Juden und Christen zum selben Gott beten und dass sie die Grundsätze der Tora teilen.

Das klingt versöhnlich. Kommt dieser Trend auch bei den Menschen an?

Brumlik: Bei normalen SynagogengängerInnen  spielt dieser Standpunkt keine Rolle, in der Ausbildung von RabbinerInnen aber schon. Der Trend zum vermehrten jüdisch-christlichen Austausch lässt sich beispielsweise an den beiden neuen Rabbinerseminaren an der Universität Potsdam erkennen.

Sind mit der Erkenntnis gemeinsamer Wurzeln aber alle Probleme gelöst?

Brumlik: Keineswegs! Es gibt immer noch grundlegede dogmatische Unterschiede zwischen Judentum und Christentum. Da wäre beispielsweise die Auffassung der Dreieinigkeit: Im Judentum wurde die Anbetung von Gott in Menschenform lange Zeit als Götzendienst abgelehnt. Das hat sich in den letzten Jahren zwar etwas geöffnet. Die grundlegende Auffassung des Christentums aber, dass Jesus ein Messias ist – die unterscheidet uns voneinander.

Wie hoch ist die Bereitschaft zum Austausch bei streng orthodoxen Juden?

Brumlik: Bei ultraorthodoxen Strömungen wie etwa den Chassiden spielt der interreligiöse Austausch keine so große Rolle. Bei liberalen Juden ist die Bereitschaft zum Dialog meistens stärker ausgeprägt. Das kann man aber natürlich nicht pauschalisieren.

Wir stark ist Antijuadismus heute aus Ihrer sicht im Christentum aufgearbeitet?

Brumlik: Eine große Wegstrecke liegt bereits hinter uns. An der Evangelischen Akademie in Berlin finden beispielsweise immer wieder Veranstaltungen zum interreligiösen Dialog statt. So auch auf den Evangelischen Kirchentagen. In der katholischen Kirche kam mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil eine entscheidende Wende. Mit den orthodoxen Kirchen sehe ich bislang leider wenig Austausch. Das mag zusammenhängen mit theologischen Faktoren wie etwa dem Bilderverbot im jüdischen Glauben – und der Bedeutung von Ikonenmalerei im orthodoxen Glauben. Da hoffen wir auf weitere Entwicklungen.

Ereignisse wie der Angriff auf die Synagoge in Halle 2019 zeigen, dass Antisemitismus nach wie vor eine Rolle in Deutschland spielt. Wie beurteilen Sie die Situation in Deutschland heute?

Brumlik: Antisemitismus ist leider immer noch stark verbreitet, das ist richtig. Aus meinen Erfahrungen mit Arbeitsgruppen bei Kirchentagen und aus anderen Projekten der interreligiösen Zusammenarbeit kann ich aber sagen: Hier ist vieles in Bewegung.


RB
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